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Fokussieren wir uns auf das WIE nicht das WARUM

Nachdem gefühlt jedes Medium über die aktuelle Situation berichtet hat, weiss mittlerweile jede/r: Es herrscht Materialknappheit in der Holzbranche und auch die Gründe wurden bereits ausführlich besprochen. Woodpecker findet: Fokussieren wir uns nicht auf das Warum, sondern auf die Lösungen dazu. Gesine Moritz, Verantwortliche für die Material-Beschaffung in der Woodpecker Gruppe, nimmt Stellung zur Liefersituation und erklärt, was Händler und Kunden jetzt unternehmen können.

 

Gesine Moritz

 

Gesine Moritz, es zieht sich durch: Vom Rohstoff, über den Hersteller, den Händler bis zum Verarbeiter und Bauherren. Wo liegen denn die jeweiligen Herausforderungen? Banal gefragt: Könnten die Hersteller nicht einfach mehr und schneller produzieren und die Preise einfrieren?

Das wäre tatsächlich schön, wenn das so einfach wäre. Aber die meisten Hersteller produzierten schon vor Corona in einem 3-Schicht-Betrieb, da wird es schwierig noch eine Schicht reinzuschieben, die Maschinen müssen ja auch noch gewartet werden. Es gibt Hersteller, die haben aktuell Auftragseingänge, die ihre Produktionskapazität um 30% übersteigen. Ganz zu schweigen davon, dass die Rohstoffe weiterhin knapp sind und unsere Lieferanten hohe Preise dafür bezahlen müssen.
Die Folge davon ist, dass die Produkte teurer werden und auch wir als Händler mit grossen Preissteigerungen in immer kürzeren Abständen konfrontiert werden. Ausserdem sind die Lieferzeiten sehr lang geworden – in einigen Warengruppen bis zu 5 Monaten – und es ist schwierig, von den Lieferanten verlässliche Liefertermine zu erhalten.
Wegen der begrenzten Produktionskapazitäten haben einige Hersteller die Lieferungen an Kunden kontingentiert oder sie nehmen temporär gar keine Bestellungen an. Wenn die Mengen der Bestandslieferanten nicht ausreichen, gibt es nur wenige oder keine Möglichkeiten, Ersatz zu beschaffen.
Das alles kommt dann natürlich auch bei unseren Kunden an: Sie haben Schwierigkeiten, das Material für die Bauarbeiten zum vereinbarten Termin zu bekommen. Als grösstes Risiko sehe ich jedoch, dass sie bei Angeboten und der Auftragsvergabe mit Preisen kalkuliert haben, die sich im Verlauf des Bauvorhabens gar nicht mehr halten lassen. Wenn der Bauherr nicht kooperativ ist, geht die Teuerung zu Lasten des Handwerkers.

Wie geht Woodpecker vor, um diese Situation für die Kunden möglichst gut abzufedern?

Markt-Erfahrung sowie eine nachhaltige und konstruktive Partnerschaft mit unseren Herstellern ist hier das A und O. Auf so eine Situation kann nicht erst reagiert werden, wenn sie eintritt. Wir trainieren quasi für den Ernstfall, indem wir laufend Beziehungen aufbauen und uns professionalisieren. Z.B. haben wir für alle 4 Standorte die Beschaffung zentralisiert und die Prozesse optimiert. Den Lieferanten garantieren wir somit eine einfachere und effiziente Abwicklung sowie grössere Volumen pro Bestellung. Dies wissen sie zu schätzen. Wir arbeiten auch laufend weiter daran, die Prozesse noch mehr zu digitalisieren.
Auf der praktischen Seite haben wir schon früh unsere Bestellmengen erhöht, Bestellungen weit im Voraus platziert und alle Möglichkeiten der Ersatzbeschaffung eruiert. Das hat alles bereits letzten Herbst begonnen.

Moment. Letzten Herbst schon? War die Entwicklung zu diesem Zeitpunkt schon klar?

Es gab gewisse Anzeichen und unsere Aufgabe ist es natürlich, möglichst früh darauf zu reagieren. Aber die wirklichen Ausmasse haben dann schon überrascht. Ich glaube, niemand in der Branche hat das tatsächlich so erwartet.

Welche Massnahmen wurden sonst noch ergriffen?

Wir haben interne Standards, sogenannte Service Levels definiert, die wir unseren Kunden bieten. Z.B. 24h Lieferung bei Bestellungen bis 17 Uhr, eine schnelle Erreichbarkeit der FachberaterInnen, kurze Reaktionszeiten für Offerten usw. Auch bezüglich Liefertreue und Verfügbarkeit der Lagerware haben wir uns eine Messlatte gesetzt. Natürlich ist es derzeit besonders schwierig, dies alles einzuhalten, aber diese Service Levels sorgen dennoch für ein maximal mögliches Mass an Verbindlichkeit gegenüber unseren Kunden.
Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind angehalten, schnell und transparent zu agieren. Für uns ist es wichtig, dass alle Mitarbeitenden an alle Kunden dasselbe kommunizieren. Wir haben deshalb kurzfristig auch neue technische Hilfestellungen in unser Warenwirtschaftssystem eingebaut. Das gibt Sicherheit und schafft Transparenz – für die Mitarbeitenden wie auch für unsere Kunden. Zusätzlich kommunizieren wir monatlich die aktuellen Liefer- und Preis-Tendenzen der einzelnen Warengruppen an unsere Kunden.

Ganz konkret: Wie sieht es denn aktuell mit der Lieferbereitschaft aus? Wenn ein Kunde heute bei Woodpecker bis 17 Uhr bestellt, erhält er die Ware am anderen Tag?

Ja, erhält er. Ist die Ware erst einmal an einem unserer Lager eingetroffen, kann sie unseren Kunden am nächsten Tag ausgeliefert werden. Es gibt schon Warengruppen, da sind wir knapp dran, aber wenige. Unsere Lagerwaren können also auch in dieser Situation grundsätzlich zu einem hohen Prozentsatz innerhalb von 24h geliefert werden. Wir geben alles dafür, um diesen Wert auch weiterhin hoch zu halten.

Und was ist mit den erwähnten Lieferverzögerungen, wenn Hersteller Termine nicht einhalten können?

Wir haben bereits letztes Jahr die Logistik unserer 4 Standorte umgestellt und einen täglichen internen Warenaustausch eingeführt. Dadurch sind wir in der Lage, innert kurzer Zeit auf das grosse Sortiment aller 4 Standorte zurückzugreifen, egal wo es an Lager liegt. So können wir kurzfristige Lieferverzögerungen seitens der Lieferanten zu einem grossen Teil auffangen oder zumindest Alternativen anbieten.

Gibt es Veränderungen bezüglich Bestellungen, Lieferungen oder Abholungen?

Um Hamsterkäufe zu vermeiden, können wir derzeit keine Bestellungen von Lagerartikeln länger als 4–6 Wochen im Voraus annehmen. Man kann das ein wenig mit dem Run auf WC-Papier letztes Jahr vergleichen – wir als Händler sind auch in der Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass die Verteilung nicht zu einseitig verläuft. Etwas anderes ist das natürlich bei Kommissionsbestellungen für konkrete Objekte. Hier versuchen wir mit unseren Kunden vorausschauend zu agieren, damit die Ware zum gewünschten Termin auch eintrifft.
Wegen der knappen Warenverfügbarkeit kann es durchaus vorkommen, dass mehrere Teil-Lieferungen statt einer Lieferung mit der Komplettmenge erfolgen müssen. Auch ist es für Abholer ratsam, nicht spontan zur Abholung an unseren Standort zu fahren, sondern vorab die Verfügbarkeit der gewünschten Ware zu erfragen.

Was nun? Sind die Kundinnen und Kunden der aktuellen Situation ausgeliefert?

Nein, wir alle sind der Situation nicht ausgeliefert, sondern stärker gefordert. Das Wichtigste ist eine gute Kommunikation zum Handelspartner. Wenn wir wissen, welche Mengen für konkrete Projekte zeitnah gebraucht werden, setzen wir alle Hebel in Bewegung, um die Ware auch bereitzustellen. Dagegen können und wollen wir Hamsterkäufe nicht bedienen. Auch ist es hilfreich vorausschauend zu denken, damit wir auch vorausschauend handeln können.

Kommunikation ist also wichtig. Was noch?

Wir sollten versuchen, gemeinsam flexibel und kreativ zu agieren. Ist ein Produkt zum geforderten Termin nicht verfügbar, kann unser Beratungs-Team mit unseren Kunden in vielen Fällen eine Alternative suchen und finden. Wir selbst beschäftigen uns viel mit Alternativen – vergleichbare Artikel des Bestandslieferanten, vergleichbare Artikel von alternativen Lieferanten oder komplett andere Produkte. So kann z.B. KVH durch LVL-Furnierschichtholz ersetzt oder statt einer 60 mm Dämm-Matte zwei Stück à 30 mm eingesetzt werden. Auch im Abverkaufs-Lager finden sich immer wieder gute Alternativen. Einfach flexibel sein, nachfragen und sich überraschen lassen.

Du hast zu Beginn Lieferzeiten von 5 Monaten bei gewissen Warengruppen erwähnt. Wie ist deine Einschätzung zur weiteren Entwicklung? Gibt es schon bald eine Entspannung auf dem Markt?

Die allgemeine Einschätzung ist, dass es sicher noch bis Ende Jahr dauert. Manche Faktoren sind allerdings nachhaltig, z.B. die weltweit stärkere Nachfrage in Sachen Holzbau.
Kurzfristig könnte ich mir vorstellen, dass bei Aufhebung der Corona bedingten Reisebeschränkung die Nachfrage im Innenausbau etwas nachlassen wird. Deshalb erwarte ich bei den dekorativen Platten zuerst eine Erholung. Ansonsten kann es sich nur verändern, wenn sich die Nachfrage weltweit abschwächt, denn der Rohstoff im Holzbau fehlt ja immer noch.
Es gibt aber auch gute Nachrichten: Viele Hersteller bauen parallel ihre Kapazitäten laufend aus, zum Beispiel mit neuen Produktionsstrassen, das gibt sicher auch eine gewisse Entspannung – aber eben erst mittelfristig.



Interview vom 30. April 2021